Mit großem Interesse habe ich vor einiger Zeit die Ankündigung der Kaufmannschaft Reutte zur geplanten CityApp gelesen. Schließlich schaut man als Entwickler auch mal über den eigenen Tellerrand hinaus und beäugt mehr oder weniger kritisch, was im mobilen Segment so um einen herum alles passiert.
Die Kaufmannschaft selbst sieht in dem Projekt ein Highlight, dass allen angeschlossenen Mitgliedern viele Vorteile bringen wird und das ist ja grundsätzlich erst einmal nicht schlechtes. Wenn man dann den Artikel in der TT.com ansieht, kann man auch durchaus den Eindruck bekommen, dass hier „the next big thing“ geplant ist, denn schließlich soll diese App dem Besucher nicht nur mehr Informationen bieten, als ein Einheimischer es je könnte, sondern der kleine digitale Helfer soll zudem auch noch ein komplettes Branchenbuch von Reutte enthalten.
Hmm…haben wir das nicht alles schon einmal gehört? Richtig, der Tourismusverband Naturparkregion Reutte bietet schon seit langer Zeit eine App mit gleichem Leistungsumfang an. Wo ist also jetzt das Highlight? Wo ist die Revolution, die allen Mitgliedern diesen enormen Vorteil bringen soll?
Schauen wir mal weiter, denn schließlich wird in der Ankündigung auch davon gesprochen, dass innerhalb der App zukünftig Angebote und Abverkäufe der angeschlossenen Unternehmen beworben werden. Mit diesem Feature möchte man die App laut eigener Aussage auch den Einheimischen die CityApp schmackhaft machen, aber handelt es sich hier um das „Killer-Feature“ auf das wir alle gewartet haben?
Warum setzt man nicht stattdessen auf kreative Möglichkeiten in Verbindung mit Facebook Places, Foursquare oder anderen Location based Services? Warum versucht man nicht bereits vorhandene und gut frequentierte Plattformen besser in das Marketingkonzept zu integrieren? Stattdessen pumpt man in diesem Fall wieder einmal Geld in eine Baukasten-App, die meiner Meinung nach niemals diese Resonanz und Akzeptanz erhalten wird, wie es sich die Kaufmannschaft Reutte derzeit vielleicht erhofft.
Wo ist der Mehrwert für den Kunden? Wo ist der kreative Ansatz, der die App und somit auch Reutte auf dem viralen Weg zu mehr Bekanntheit verschafft? Warum entwickelt man hier wieder etwas im Alleingang was eigentlich schon vorhanden ist? Warum setzt man sich nicht mit dem TVB Naturparkregion Reutte an einen Tisch und überlegt gemeinsam, wie man die bereits vorhandene App „Reutte Guide“ durch ein Update aufwerten kann? Diese App hat schließlich schon einen gewissen Grad an Aufmerksamkeit generiert und die bisherigen Anwender würden einem Update sicherlich positiv gegenüberstehen.
Aus den Augen eines Entwicklers sehe ich dieses Projekt leider noch kritischer, denn technisch gesehen reden wir bei der CityApp von einem Baukasten oder Plattform-Prinzip. Das gesamte Konzept dieser App ist nämlich zu mehr als 90% auf jede beliebige Stadt auf der Welt übertragbar und somit ist das ganze für den Entwickler natürlich mit relativ wenig Aufwand umzusetzen. Sämtliche Kernklassen wurden ja schon einmal für bereits vorhandene Apps wie z.B. die CityApp Füssen entwickelt und die benötigten Daten werden dem Entwickler von den Unternehmen frei Haus geliefert.
Insgesamt also sicher ein lohnendes Geschäft für den Hersteller der App, aber kann ein solches Konzept wirklich den erhofften Mehrwert für den Kunden bieten? Klar, auf Seiten der Kaufmannschaft Reutte und ihren Mitgliedern mag man in diesem Projekt wirklich einen Mehrwert und somit auch ein spürbares Umsatzplus in den Kassen sehen. Erfahrungsgemäß wird auf diese Euphorie sehr schnell eine große Ernüchterung folgen, denn die Downloadzahlen von solchen Konzept- oder Baukasten-Apps sind in der Regel wesentlich niedriger als einem so manches Softwarehaus vermitteln möchte. Und dann? Tja, dann passiert eigentlich das, was immer passiert.
Der Entwickler freut sich über den abgeschlossenen Auftrag und die Mitglieder bzw. die in der App eingetragenen Unternehmen werden wieder in die harte Realität zurückgeholt und werden fortan der Meinung sein, dass die ganze Diskussion über den Boom von Smartphones nur leeres Gerede gewesen ist. Die Tatsache, dass ein solches Projekt schon im Vorfeld zum scheitern verurteilt war, weil man einfach eklatante Fehler in der Planung gemacht hat oder weil man sich vielleicht auch aus eigener Unwissenheit hat falsch beraten lassen, dass wird an diesem Punkt dann später auch mal gern wieder von allen vergessen.
Als Einheimischer und als Entwickler begrüße ich die Entscheidung zu einer eigenen App der Kaufmannschaft Reutte natürlich sehr, aber ich hätte mir hier wirklich ein interessantes und auch innovatives Konzept für die App gewünscht, denn die hundertste Ausgabe der „Gelben Seiten“ legt sich heute auch keiner mehr auf den Tisch und bei der enormen Anzahl von Apps, die täglich in den Store geschoben werden, ist das Alleinstellungsmerkmal einfach ausschlaggebend für den Erfolg.